Der Mut eines Wolfes

Eine Geschichte von J. Hintze
 


Es war eine kalte Winternacht und der Mond schaute wie ein riesiges Auge zwischen den Tannen hindurch. Der Himmel war sternenklar und eine dünne Schneeschicht bedeckte den Waldboden.

Die ganze Zeit war Grey ziellos umhergewandert. Seit er das Rudel ver- lassen hatte, war er nicht mehr richtig satt geworden. Es erschiehn ihm in der Zwischenzeit fast unmöglich alleine Beute zu machen. Wie vermisste er doch die Geborgenheit im Kreise seiner Artgenossen. Traurig heulte er seine Einsamkeit dem Mond entgegen, der ihm als einziges vertraut erschiehn. Enttäuscht entschloß er sich weiterzuziehen. Nachdem er einige Meilen im kräftesparenden Wolfstrab hinter sich gebracht hatte, bemerkte er, daß der Wald immer lichter wurde. Ohne Übergang gelangte Grey an den Wald- rand. Vor ihm breitete sich eine schier endlose Ebene aus, so groß wie er es noch nie im Leben gesehen hatte. Verwundert und auch ein bißchen erschreckt verharrte der Wolf im Schatten der Bäume und starrte auf die riesige, freie Fläche. Grey prüfte schnuppernd den Wind, aber auch dieser trug ihm keinen ungewöhnlichen Geruch zu. Nach einigem Zögern siegte seine Neugier und er lief hinaus auf das freie Feld. Seine Augen auf den Horizont gerichtet trabte er gegen den Wind sichernd weiter. Die Ebene breitete sich vor ihm aus, bis in der Ferne schließlich ein paar seltsam, gleichmäßig ge- formte kleine Hügel auftauchten.

Als Grey jedoch nah genug an die Hügelgruppe herangekommen war, beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Sein Nackenfell sträubte sich und verunsichert preßte er seinen Körper an den vereisten Erdboden.
Obwohl sein Instinkt ihn warnte, konnte er seinen Blick nicht von dem Hügel abwenden. Der fremde Geruch wurde immer stärker und als Grey bis auf wenige Meter herangeschlichen war, schien er ihm fast über- wältigend.

Grübelnd saß Joe vor dem Kaminfeuer. Es war schon weit nach Mitter- nacht doch er konnte einfach nicht schlafen. Immerwieder mußte er an den Streit mit seiner Frau denken. Außgerechnet nach New York wollte sie. Joe war nur zu feige zuzugeben, daß er Angst vor der Fremde hatte. So hatte er nach einem Riesenkrach mit Mandy, wie ein trotziger, kleiner Junge seine Sachen gepackt und sich zurückgezogen auf die alte Farm, am Rande des Pine Wood Forest. Jetzt saß er hier einsam vor dem Feuer und konnte nicht schlafen. Seufzend strich er sich über das unrasierte Kinn. Er stand auf und schaltete das Licht an. Ein bißchen frische Luft würde ihm guttun. Er öffnete die Tür und blieb auf der Türschwelle stehen, um rasch die Jacke überzustreifen und sah dabei hinaus in die mondhelle Nacht. Ungläubig starrte er nach draußen und glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Keine drei Meter vom Haus entfernt hockte ein grauer Wolf. Wie zum Sprung geduckt und mit gesträubten Fell, blickte das Tier ihn an.....

Gebannt starrte Grey auf den Hügel, als dieser sich plötzlich öffnete und grelles Licht auf ihn viel, als wäre die Sonne aufgegangen. Geblendet sah der Wolf auf die Öffnung in dem Hügel. Verwirrt durch das blendende Licht, sprang er einfach vorwärts, denn er hatte keine Orientierung mehr.

Joe überwand seine Schrecksekunde schnell und er tastete nach seinem Gewehr, das griffbereit neben der Tür stand. Dabei behielt er den Wolf im Auge. Er war kurz davor ihn anzuspringen. Blitzschnell riß Joe das Gewehr an sich und drückte ab, zum Zielen blieb keine Zeit mehr....

Ein lautes, knallendes Geräusch drang an Greys Ohren, gerade in dem Moment als er sprang. Er merkte noch, wie er zurückgerissen wurde und auf dem Boden aufschlug. Dann erfasste ein brennender Schmerz seinen Kopf, aus der gleißenden Helligkeit wurde ein tiefes Schwarz und dann spürte er nichts mehr.

Geschockt, das Gewehr immernoch in den Händen, stand Joe da und starrte auf den ruhig daliegenden Wolf. Für gewöhnlich kamen sie nicht in die Nähe von menschlichen Siedlungen. Joe berührte mit dem Kolben des Gewehrs die Schnautze des Wolfes. Der bewegte sich nicht mehr. Ungläubig streckte der Mann vorsichtig die Hand vor, um sich selbst zu beweisen, daß er nicht träumte. Joe kraulte mit den Fingern durch das weiche Fell. Er bemerkte erschrocken, daß das Tier noch atmete. Joe trat einen Schritt zurück und betrachtete die Wunde am Kopf des Wolfes. Die Kugel hatte eine tiefe Riefe zwischen den Ohren gerissen, aber sie hatte das Tier nicht getötet.

Der Mann hob sein Gewehr um dem ein Ende zu machen. Er zielte genau auf die Stirn. In diesem Moment öffnete der Wolf seine Augen und starrte ihn an. Verwirrung lag in dem Blick und ein klägliches Winseln drang aus dem Maul bevor sich die Augen wieder schlossen. Den Finger am Abzug, zögerte Joe abzudrücken.
Er erklärte sich selbst für verrückt, als er das Gewehr beiseite legte. Er brachte es einfach nicht fertig dieses wehrlose Tier abzuknallen. Unentschlossen stand er da. Genausowenig konnte er den angeschossenen Wolf einfach so liegenlassen. Eine jeder Vernunft spottende Idee kam Joe in den Sinn. Er holte ein Stück Nylonleine aus dem Haus.
Sorgfältig band er damit die Schnautze zu und umwickelte mit dem Rest die Pfoten. Er machte ein dutzend Knoten, um sicher zu gehen, daß das Tier sich nicht befreihen konnte. Dann schleifte er es ins Haus.
Dort legte er das Tier in die Ecke des Raumes, weit weg vom Kamin. er schaltete das Licht aus, entledigte sich seiner Jacke und setzte sich in die Nahe des wärmenden Feuers. Er ließ jedoch das zusammengeschnürte Tier nicht aus den Augen. Was hatte er da nur getan ? Da lag in seinem Wohnzimmer ein Wolf in der Ecke. "Das ist kein Hund, Joe" sagte ihm sein Verstand.
Zwei Stunden lang beobachtete Joe den reglosen Fellhaufen in der Ecke noch, doch als der Morgen graute übermannte ihn der Schlaf.

Als Grey zu sich kam, fand er sich in einer seltsamen Welt wieder. Er ver- suchte aufzustehen, aber irgendetwas lähmte ihn. Er spürte einen unbekann- ten Druck an der Schnautze und den Vorderpfoten. Er blieb also liegen und sah sich um. Er befand sich in einer Art Höhle, aber alles darin war anders als in den Höhlen die er kannte. Das wohl Merkwürdigste war jedoch das Wesen, was auf der anderen Seite der Höhle lag und schlief. Von ihm ging auch der fremde Geruch aus. Noch nie hatte der Wolf ein solches Tier ge- sehen. Es war etwa so groß wie er selbst, aber es hatte ein seltsam kurzes Fell. Sein Gesicht war nackt, es hatte keine Schnautze und keine Ohren. Er knurrte es mehrmals an, aber es schlief einfach weiter, so als hätte es ihn gar nicht bemerkt.

Als Joe wach wurde, war es kühl im Haus. Verschlafen stand er auf, dann viel ihm der Wolf wieder ein. Mit einem mulmigen Gefühl sah er in die Ecke hinüber. Der Wolf war wach und sah ihn aus grünen durchdringenden Augen an. Er hatte sich scheinbar erholt, die Wunde am Kopf war verschorft. Bewundernd betrachtete der Mann das Tier, welches seinem Blick nicht auswich, so wie er es von seinen Hunden kannte. Ein drohendes Knurren war zu hören. "Du hast wohl vor Nichts Angst, mein grauer Freund" sprach Joe den Wolf mit sanfter Stimme an. "Du müßtest dir doch vorkommen, wie auf einem anderen Planeten" erzählte Joe weiter, mehr um sich selbst zu beruhigen, als das Tier. Schließlich nahm Joe seinen ganzen Mut zusammen, ging hinüber zu dem Wolf und schaffte ihn begleitet von bösem Knurren hinaus, vor das Farmhaus. Jetzt kam der schwierigste Teil. Joe nahm sein Bowiemesser und schnitt die Fesseln an den Pfoten durch. Dabei lehnte er sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf das, am Boden liegende Tier, damit es nicht gleich loslief. Mit zitternden Händen schnitt er nun auch die Fessel um das Maul los. Dann sprang Joe sofort zurück in Richtung der Haustür aus Angst der Wolf könnte ihn angreifen. Er blieb in der offenen Tür stehen und beobachtete wie das Tier sich erhob und sich reckte. Der Wolf sah sich um und nocheinmal trafen sich ihre Blicke, dann begann das Tier in einem ruhigen Trab über das Feld in Richtung Waldrand zu laufen, ohne noch ein- mal zurückzuschauen.

An diesem Abend beschloß Joe zurück nach Hause zu fahren und mit Mandy ein neues Leben in New York anzufangen. Wovor sollte er auch noch Angst haben ?




 

 
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