Gegen den Strom

Eine Geschichte von J. Hintze
 


Um mich herum war nur blaue, ruhige Unendlichkeit. Eine seichte Strömung trug mich voran, Sonnenstrahlen glitzerten von oben herab und kitzelten meine Rückenflosse. Frei und zufrieden schwamm ich dahin und die Zeit rann wie ein träger Strom an mir vorbei. Ich durchquerte ungezählte Meere - ohne Ziel. Ich spielte mit den Wellen und sprang durch die Gischt - nur so zum Spaß. Das Leben war sorglos in jenen Tagen.

Doch dann kam eine Zeit, in der mich eine niegekannte Unruhe erfasste. Das Salz des Ozeans wurde zu einem widerlichen, kaum noch zu ertragenden, Geschmack in meinem Maul. Immer öfter zog es mich in die Nähe der Küste, dorthin wo das Wasser süßer schmeckte. Ein nicht zu unterdrückender Gedanke ergriff immer mehr Besitz von mir, jenem süßen Strom zu folgen, woher er auch kommen mochte. Irgendwann, an einem Tag als ich mich gerade so richtig sattgefressen hatte und mich trotzdem nicht glücklich fühlte, traf ich auf einige meiner Artgenossen. Auch sie hatte die gleiche seltsame Unruhe gepackt. Wir schlossen uns zu einer Gruppe zusammen, mutig geworden entschieden wir uns diesem gemein- samen Drang nachzugeben und taten, was wir noch nie zuvor gewagt hatten. Wir schwammen gegen die Strömung, verließen die uns so vertraute Welt und folgten dem süßen, unbekannten Ruf.
Die neue Welt in die wir gerieten war merkwürdig. Wir hatten das Gefühl in einen dunklen Tunnel zu schwimmen, denn die Farbe des Wassers wechselte zu einem schmutzigen braun. Die unbegrenzte Weite des Meeres war verschwunden, Uferwände engten uns ein, so daß wir uns dicht aneinander drängten. Seite an Seite schwam- men wir dahin, vom gleichmäßigen, steten Schlag unserer Schwanz- flossen angetrieben. Trotz des Schreckens, den wir emfanden, hatte sich doch nur ein Ziel in unseren Köpfen eingebrannt. Den Ursprung jenes süßen, berauschenden Geschmacks zu erreichen, der irgend- wo, jenseits der Strömung liegen mußte, gegen die wir ankämpften. So ging es weiter, Stunde um Stunde, Tag für Tag, ohne Pause. Irgendwann emfanden wir keinen Hunger mehr, wir ignorierten unsere schwindenden Kräfte und auch die Angst war verschwunden. Wir waren einzig und allein von dem Gedanken beseelt, jenes unbe- kannte Ziel zu erreichen. Und dann kam der Berg. In einer tosenden Gischt stürzte uns das Wasser entgegen. Ein Hinderniß aus nacktem, glatten Felsen, die sich vor uns auftürmten und unüber- windlich aussahen.Wir sammelten uns davor, ratlos wie es weiter gehen sollte und doch wollte Keiner umkehren. Es gab nur noch eine Richtung in unseren Gedanken und die führte den Felsen hinauf, der sich uns in den Weg stellte.

Ein zurück gab es auch für mich nicht mehr. Irgendwie wußte ich, daß meine Reise hier nicht enden konnte. Ich mußte vowärts, gegen den Strom, gegen die Gischt, gegen die Felsen und wenn es sein mußte auch noch gegen Tod und Teufel. Ich sammelte alle Kraft, die noch in mir steckte, schlug mit meiner Schwanzflosse durch das aufgewühlte Wasser, immer schneller und schneller werdend. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und steuerte auf die graue Wand der Felsen zu, bis diese mein ganzes Sichtfeld ausfüllten. Dann, bevor der Aufprall kommen mußte, schlug ich in einer ver- zweifelten Bewegung meine Schwanzflosse ins Wasser und sprang, so hoch wie noch nie in meinem Leben. Ich flog durch die Luft und prallte nicht auf die Steine, sondern landete wieder im Wasser. Er- mutigt wollte ich weiterschwimmen, doch vor mir schob sich der nächste Felsen in die Höhe. Die Strömung riß an mir und wollte mich zurückwerfen. Grimmig blickte ich nach vorne. Nein, so leicht würde ich nicht aufgeben. Noch ein Hinderniß ? Dann würde ich nocheinmal springen. Wieder holte ich Schwung, katapultierte mich in die Luft. Ich schaffte es auch ein drittes, viertes und fünftes mal, doch immer wieder lag ein neuer Fels vor mir. Irgendwann hörte ich auf zu zählen, meine Kräfte schwanden dahin, doch ich wollte nicht aufgeben. Dann plötzlich, als ich schon nicht mehr daran glaubte, hatte ich es geschafft. Vor mir lag nur noch klares, durchsichtiges Wasser, durchflutet von hellem Sonnenlicht. Ich war erschöpft, aber eine vergessene Erinnerung durchquerte meine Gedanken, die in mir ein freudiges Gefühl auslöste, sodaß ich trotz meiner Müdig- keit weiterschwamm. Ich kannte dieses Gewässer und je weiter ich kam, desto vertrauter wurde es.

Auch einige meiner Artgenossen hatten den Felsen überwunden und in einem aufkommenden Glücksgefühl wurde uns allen bewußt, wo wir waren. Schon einmal waren wir hier zusammen geschwommen, vor langer Zeit. Nicht mehr allzu weit voraus lag unser gemeinsames Ziel: der Ort unserer Geburt. Erleichtert darüber, das Ende unserer Reise vor Augen zu haben, mobilisierten wir die letzten Kraftreserven und schwammen weiter, gegen die schwächer werdende Strömung. Meine Erinnerung wurde immer klarer. Ich wußte nun, daß der Weg nicht mehr weit war. Einer meiner Gefährten schwamm neben mir und mit der Genugtuung es überstanden zu haben, tollten wir über- mütig umeinander. Vergessen waren die Strapazen die hinter uns lagen, vergessen die Angst und die Gefahren und vergessen auch.... die Vorsicht ! Eben noch von überschäumender Freude erfüllt, die uns im Uferbereich hatte tollen lassen, riß eine grausame Kraft meinen Bruder aus dem Wasser. Im nächsten Moment färbte sich das klare Wasser blutrot. Panik erfüllte mich und ich schoß davon, versuchte mich mit großen Sprüngen zu retten. Dabei fiel mein Blick für eine kurze Sekunde auf den Schrecken, der sich tief in mein Gedächtnis eingrub. Am Ufer stand er, der Teufel und der Tod, ver- eint in einem Wesen. Es war ein riesiges, braunes Ungetüm, mit Zähnen so groß wie die eines Hais, zwischen denen mein unglück- licher Artgenosse, im Todeskampf zappelnd, gefangen war. Ich schwamm zur Mitte des Stroms und beschloß nie wieder so sorglos zu sein. Wir erreichten schließlich das Ziel unserer Begierde, aber viele von uns hatten ihr Leben lassen müssen. Teils weil sie zu erschöpft gewesen waren, weil sie einer der Teufel geholt hatte oder sie sonst irgendwie verunglückt waren. Der Fluß verbreiterte sich zu einem flachen, großen See, der an den Ufern mit einem breiten Schilfgürtel bewachsen war. Wir alle konnten es spüren, dies war der Ort, wohin unsere gemeinsame Vision uns getrieben hatte und wo unsere Suche endete. In einem aufkommenden Freudentaumel jagden wir einander, immer wilder wurden unsere Spiele, so daß das seichte Wasser anfing zu brodeln. Ein Glücksgefühl erfasste uns und wie im Rausch rieben wir unsere Körper aneinander. Ohne je darüber nach- gedacht zu haben, erkannten wir den sinn unseres Lebens, wir würden die nächste Generation zeugen.

Trotz meiner Erschöpfung hatte ich nur noch Augen für sie. Sie war wunderschön, ihr Bauch leuchtete in einer roten, intensiven Farbe, spielerisch schwamm sie, mit verführerischen, eleganten Bewegun- gen, vor mir her. Das alles zog mich magisch an. Ich folgte ihr durch das klare Wasser, nichts anderes war mehr wichtig, es gab nur noch sie und mich. Als sie schließlich ihre Eier ablegte, schwamm ich darüber um sie zu befruchten. Dieser kurze Moment entschädigte mich für die ganzen Entbehrungen und Gefahren, die ich auf dem Weg hierher durchlitten hatte. Ich erkannte , dies war der Sinn meines Lebens, aus diesen Eiern würde die nächste Lachsgenera- tion schlüpfen. Gemeinsam würden sie den Weg ins Meer finden. Irgendwann, wenn die Zeit dafür gekommen war würden sie sich wiedertreffen und eine uralte Vision würde ihnen den Weg weisen: gegen den Strom......


 

 
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