Was geht wirklich vor im geheimnisvollen Haus?



von Helga Salfer



Ursula schloss die Augen. Sie war total erschöpft. Zuviel aufregende Ereignisse waren in den vergangenen Stunden geschehen. Es würde viel Zeit vergehen müssen, um dieses unheimliche Erlebnis vergessen zu können.

Sie zwang sich, die düsteren Gedanken abzustreifen. Schließlich war ihnen nichts passiert, und jetzt waren sie ja in Sicherheit.

Gleich würden sie die Werkstatt erreichen und alles würde gut werden.

Aber der Gedanke daran, dass sie noch einmal an den Ort des Schreckens zurück mussten, um ihren Wagen abzuholen, ließ wieder Unbehagen in ihr aufsteigen. Obwohl bei diesem herrlichen Wetter alles freundlich und überhaupt nicht furchteinflössend wirkte, spürte Ursula wieder eine Gänsehaut am Körper.

Günters Worte, als er aus dem Haus zu ihr zurück in den Wagen gestiegen war, konnte sie einfach nicht verdrängen.
Die unheimlich aussehende Frau mit den schwarzen Haaren, der eigenartig süßliche Geruch, die Geräusche, der unsympatische Mann mit dem weißen Lieferwagen - das alles kam ihr vor wie ein schrecklicher Albtraum, aus dem sie glaubte, endlich erwachen zu müssen.

Ursula riss die Augen auf. Aber leider war das alles kein Traum gewesen. Sie blickte aus dem Seitenfenster und sah in der Ferne das große Schild der Reparaturwerkstatt. Ein erleichterter Seufzer entrang sich ihrer Brust.
br> Kurze Zeit später bedankten sie sich herzlich bei dem freundlichen Fahrer, ohne dessen Hilfe und der des alten stummen Mannes sie jetzt kaum hier stehen würden.

Sie betraten die Werkstatt. Günter schilderte dem Kraftfahrzeugmechaniker sein Problem, worauf dieser den beiden vorschlug, den Wagen hierher abzuschleppen. Er ließ sich kurz den Weg beschreiben, wo sie ihr Fahrzeug abgestellt hatten. Als Günter mit seiner Schilderung endete, kratzte der Mann sich nachdenklich am Hinterkopf.
Er runzelte die Stirn und musterte Günter und Ursula mit einem Seitenblick. „So, so! Na ja! Ausgerechnet in dieser verlassenen Gegend! Was hatten Sie denn da vor? Sie kennen diese Gegend hier? Wollten Sie jemanden besuchen?“

„Nein! Nein! Wir waren auf dem Heimweg von einer abendlichen Fahrt aufs Land. Dann hatten wir plötzlich die Panne. Und da war nur dieses abseits stehende Haus auf der kleinen Anhöhe, wo ich vergeblich versuchte, Hilfe zu bekommen.“

„Ausgerechnet zu diesem Haus sind Sie gegangen? Da waren Sie aber mutig!“
Der Mechaniker stieß einen Pfiff durch die Zähne aus. Aufmerksam betrachtete er Günter.
„Sie müssen wissen,“ begann er langsam, „von diesem Haus erzählt man sich die seltsamsten Geschichten. Genaues weiß keiner, aber vermutet wird so allerhand. Angefangen von einer Vergewaltigung, die dem ‚Herrn’ dieses Hauses angelastet wird, bis hin zu einem Mord an einem jungen Mann, der vor einiger Zeit spurlos verschwand und nie wieder gesehen wurde.
Nun gut, wenn Sie Ihr Auto dort stehen haben, müssen wir ja wohl hin, um es abzuholen, damit ich mir den Schaden ansehen und anschließend reparieren kann. Schließlich wollen Sie ja auch wieder nach Hause. Also, dann! Fahren wir los!“



Er ließ die Beiden einsteigen und startete den Motor. Günter dachte über die Worte des Mannes nach. Was mochte es nur mit diesem Haus auf sich haben. Was geschahen dort für verbotene Dinge? Er überlegte, ob er dem Fremden erzählen sollte, was er dort erlebt und gesehen hatte, entschied sich dann aber dafür, besser zu schweigen. Er wollte das alles möglichst schnell vergessen und nicht immer wieder neu beleben.

Sie fuhren die endlose Landstrasse entlang, die Ihnen gestern im Dunkeln so bedrohlich erschienen war. Die Felder lagen im hellen Sonnenschein, ebenso die kleine Bretterhütte, die Ursula in der Nacht so Furcht eingeflößt hatte.

Doch als in der Ferne die Umrisse des Hauses auf dem Hügel sichtbar wurden, spürte Günter sein Herz stärker klopfen. Wenn er es sich auch nicht so ganz eingestehen wollte, der Schreck der vergangenen Nacht saß tiefer, als er es vermutet hatte. Wie in einem Film lief vor seinem geistigen Auge die Szene in dem Haus noch einmal vor ihm ab.

„Da ist ja Ihr Wagen, oder? Hallo? Hören Sie mich?“ Günter schreckte zusammen. Er hatte gar nicht gehört, dass der Mann ihn angesprochen hatte. „Entschuldigung! Ich - was hatten Sie gesagt?“

Der Mechaniker zeigte auf den blauen Wagen.
„Das ist Ihrer?“ Günter nickte stumm. „Na da wollen wir mal sehen, was los ist!“ Der Mann sprang aus dem Wagen. Günter und Ursula folgten ihm nach. Beiden warfen einen misstrauischen Blick zu dem Haus herüber.
Alles wirkte genauso unbewohnt und verlassen wie zu dem Zeitpunkt, als sie hier gestern Abend ankamen.

Ursula griff nach Günters Hand und klammerte sich an ihr fest. Schweigend traten sie neben den Mechaniker an ihren Wagen heran.

Der Mechaniker ließ sich von Günter den Autoschlüssel geben, setzte sich in den Wagen, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und versuchte zu starten. Nichts rührte sich. Nachdem er die Motorhaube geöffnet hatte, bemerkte er beim Überprüfen der elektrischen Anlage an einer Zündkerze einen Defekt. Gott sei Dank konnte der Mechaniker an Ort und Stelle einen Satz neuer Kerzen einsetzen. Überglücklich verabschiedeten sich Günter und Ursula von ihrem freundlichen Helfer, der ihnen eine gute Heimfahrt wünschte.

Nachdem der Mechaniker abgefahren war, wollten Günter und Ursula gerade in ihren Wagen einsteigen, als gegenüber ein Lieferwagen, ‚der Lieferwagen’ mit der Aufschrift Eilgut, hielt.

Ursula stieß einen spitzen Schrei aus. Günter starrte mit offenem Mund auf das Auto. Träumte er oder war es wahr? Hatte der Albtraum denn kein Ende? Aus dem halb geöffneten Fenster blickte ihn das brutale Gesicht dieses schrecklichen Mannes aus dem Haus fragend an.

„Na, Sie sind ja immer noch da. Was ist denn nun mit dem Wagen los?“ „Ich - wir - die Zündkerzen waren defekt. Sonst ist alles in Ordnung. Wirklich!“ Günter vermied es, den Mann anzusehen. Ursula trat neben ihn. „Lass uns weg fahren, so schnell wie möglich,“ raunte sie ihm zu. „Ich habe Angst, furchtbare Angst.“

Günter öffnete hastig die Fahrertüre, um einzusteigen. In dem Moment drang aus dem Wageninneren des Mannes ein leises Winseln. Günter horchte auf. Das hörte sich an wie von einem Tier. Was mochte der Kerl da drin haben. Die Neugier verdrängte sein Unbehagen ein wenig.
Er beschloss, den Mann zu fragen, was er da im Wagen winselndes mit sich führte. Hier draußen am hellen Tag konnte ihnen ja eigentlich nichts passieren. Sie waren immerhin zu zweit und der Mann alleine. Im übrigen konnten sie schnell ins Auto springen und abfahren.

Beherzt schaute Günter den Mann an. „Was hört sich denn da so kläglich in ihrem Wagen an?“ fragte er. „Kommen Sie her und sehen Sie selbst!“ forderte der Mann ihn auf. Er drehte sich um und legte die Decke auf dem Rücksitz zur Seite.
Günter blieb neben seinem Auto stehen und beugte sich misstrauisch vor. „Ja, Sie müssen schon herüber kommen, so können Sie nichts sehen. Kommen Sie her, ich zeige es Ihnen. Es ist nichts zum Fürchten.“ Er spürte Günters Bedenken und dachte zurück an die panikartige Flucht gestern Nacht aus seinem Haus. Was dachte dieser junge Mann nur?

„Geh nicht hin!“ Ursula sah Günter entsetzt an. „Du traust diesem Mann doch nicht etwa? Günter, das ist ein Trick, bestimmt!“

„Passen Sie auf, ich sag Ihnen, was ich hier in meinem Wagen transportiere. Sie werden es kaum glauben. Völlig ungefährlich. Wir sind eine Tierpflegestation. Meine Frau und ich fangen verwilderte Tiere ein, kümmern uns um Tiere, die keiner mehr haben will. Es sind auch kranke Tiere dabei. Im Haus sind zur Zeit zehn solcher Wesen. Bei uns finden sie Aufnahme. Alle paar Tage benachrichtigen uns die Tierfreunde, wenn sie wieder ein frei herum laufendes Tier gesichtet haben. Ich hole es ab, und versuche es dann weiter zu vermitteln.
Die kranken Tiere sondern einen besonderen Geruch ab. Sie haben es vermutlich gestern bemerkt. Lässt sich nun mal nicht so ganz vermeiden. Aber uns tun die Tiere nun einmal leid, und deshalb befassen meine Frau und ich uns mit ihnen.
Ich weiß - im Dorf werden die eigenartigsten Dinge über mich verbreitet, weil keiner die Wahrheit glaubt. Die Leute lassen von ihren Unwahrheiten, die sie verbreiten, nicht ab.
Wahrscheinlich sind Ihnen die Lügen schon zu Ohren gekommen. Die Spatzen pfeifen es ja von den Dächern.“

Günter hatte aufmerksam zugehört. Auch Ursula wurde hellhörig. Beide näherten sich behutsam dem Lieferwagen und sahen hinein. Tatsächlich lag auf der Rückbank ein kleines hellbraunes, zusammen gerolltes Bündel und sah den Beiden mit traurigen Augen entgegen.

Der Mann schlug die Decke ein wenig weiter zurück. Und - da lagen noch ein Meerschweinchen und eine graugetigerte Katze.
br> Günter und Ursula sahen sich an. Beide dachten nun dasselbe, nämlich, ob es wohl stimmte, was der Mann ihnen da erzählte. Die Tiere konnte er ja zur Tarnung mit sich führen, falls er von der Polizei angehalten würde. Der Fremde spürte ihre Unsicherheit. „Sie glauben mir immer noch nicht? Kommen Sie mit, dann müssen Sie mir glauben. Gehen Sie mit mir ins Haus. Sie können sich die Tiere selbst ansehen. Ganz bestimmt!“

Während Ursula und Günter noch zögerten und die Tiere betrachteten, öffnete sich die Tür des ‚geheimnisvollen’ Hauses. „Da, sehen Sie, meine Frau, sie trägt ein Bündel auf dem Arm. Vermutlich hat es einen dieser armen Teufel erwischt.“ Er winkte zu ihr herüber und deutete ihr an, herzukommen. Mit ihren staksigen Schritten kam sie auf den Wagen zu. Ihr bleiches, von schwarzen Haaren umrahmtes Gesicht, zeigte wie gestern keine Regung. Ursula griff nach Günters Arm. Die Frau sah ja wirklich aus wie aus einem Horrorfilm. Die brauchte gar nicht mehr verkleidet werden. Wortlos enthüllte sie das Bündel vor den Augen ihres Mannes. Tatsächlich! Es waren verendete Tiere. Zwei an der Zahl. Der Mann nickte der Frau zu und blickte dann Ursula und Günter an. „Glauben Sie mir jetzt? Drinnen sind noch mehr Tiere! Wie ich schon eingangs sagte! Aber jetzt muss ich mich von Ihnen verabschieden. Die Tiere brauchen uns! Ich wünsche Ihnen eine gute Heimfahrt.“

Er startete den Wagen und folgte dem Weg, den seine Frau schon vorangegangen war.

Ursula und Günter fassten einen Entschluss. Sie wollten sich tatsächlich im Haus selbst von der Wahrheit überzeugen. Als sie vor der Haustür standen, klopfte Ursulas Herz dennoch wild. Was war, wenn alles nur erfunden war? Sollten sie nicht lieber schnell wieder weglaufen?
In ihre zweifelnden Gedanken hinein, wurde ihnen die Tür geöffnet. Riesig stand der Mann aus dem Auto nun vor ihnen. Er überragte Günter noch um Haupteslänge und seine Arme glichen eher Baumstämmen, als menschlichen Gliedmaßen. „Schön, dass Sie sich entschlossen haben, zu kommen. Treten Sie ein.“

Sogleich schlug ihnen der süßliche Geruch entgegen, den Günter erwähnt hatte. Sie betraten den Raum, in dessen Mitte ein großer schwarzer Tisch mit vier Stühlen stand.
Ursula sah die grell leuchtende Deckenlampe, die brannte, weil kein Tageslicht in diesen Raum drang, die verblichenen Muster auf der Tapete und dann - die schwere dunkle Truhe, die tatsächlich aussah wie ein Sarg. Alles war genauso, wie Günter es ihr beschrieben hatte. Sie spürte kalte Schauer auf dem Rücken. Auch Günter konnte sich eines beklommenen Gefühles, angesichts der ihm bereits bekannten Umgebung, nicht erwehren.

„Kommen Sie hier herein!“ Der Mann deutete auf einen kleinen Nebenraum. Er öffnete eine Türe, worauf sich der widerliche Geruch noch verstärkte. Zögernd näherten sich die Beiden dem Raum und schauten hinein. Das ganze Zimmer war mit alten Wolldecken ausgelegt, auf denen die verschiedensten Tiere winselnd ruhten. Als sie die vertraute Stimme des Mannes hörten, hoben einige ihr Köpfchen.

Ursula hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. „Ich muss raus hier, Günter, mir ist es schlecht!“ Günter legte ihr den Arm um die Schulter, dann wandte er sich an den Mann. „Und was machen Sie mit den toten Tieren?“ „Die bringe ich zur Tierverwertungsanstalt , im übernächsten Ort. Bin dort schon bestens bekannt. Sie können sich hier gern noch mehr umsehen, wenn Sie wollen.“

„Nein, vielen Dank, aber ich - wir möchten doch jetzt gern nach Hause fahren.“ Sie verabschiedeten sich von dem Mann und gingen nachdenklich zum Auto.

Sie beschlossen, zuerst zurück zur Polizeistation zu fahren, um ein neues Protokoll aufnehmen zu lassen.
Jetzt wussten sie, was in dem geheimnisvollen Haus wirklich vor sich ging. Mag sein, dass der Mann und die Frau den Tieren helfen wollten. Ob die Beiden dazu die geeigneten Mittel anwendeten, vermochten Günter und Ursula nicht zu beurteilen.

Die Wahrheit über die Geschehnisse im Haus erfahren zu haben, ließ sie jede Horrorszene in den Schatten stellen.