Das geheimnisvolle Haus



von Helga Salfer



An einem lauen Sommerabend machten Ursula und Günter eine Fahrt aufs Land. Als es Zeit wurde, wieder nach Hause zu fahren, wollten die beiden nicht die Hauptstraße nehmen, sondern entschieden sich für eine ihnen unbekannte Nebenstrecke. Die Einsamkeit der Gegend störte sie nicht weiter, bis zu dem Augenblick, als der Motor streikte und sich absolut nicht mehr starten ließ. Woher sollten sie jetzt Hilfe bekommen?

Zufällig entdeckten sie hundert Meter von ihnen entfernt ein Haus auf einem kleinen Hügel. Günter hoffte, dort auf Leute zu treffen, die ihnen helfen konnten. Er wollte versuchen, per Telefon eine Nachtdienst habende Werkstatt zu benachrichtigen. Kurzerhand erklomm er den kleinen Hügel und stand wenig später vor dem Haus, in dem kein Licht brannte

Ursula sah vom Wagen aus, wie ein heller Lichtschein aus der Haustür fiel, als sie sich öffnete. Sie konnte noch erkennen, dass Günter eintrat und die Tür hinter ihm geschlossen wurde. Sie behielt das Haus ständig im Auge, doch die Zeit des Wartens schien ihr endlos. Da plötzlich - Ursula riss die Augen weit auf - stürmte Günter wie besessen aus dem Haus, den Weg herunter und spornstreichs aufs Auto zu.

Er ließ sich neben Ursula auf den Fahrersitz sinken und war zunächst unfähig, ihre drängenden Fragen zu beantworten. Die Farbe wich aus seinem Gesicht und die Hände zitterten, während er einfach da saß und in die Dunkelheit starrte. Ursula war entsetzt und schockiert zugleich.
Doch dann beruhigte Günter sich allmählich und fing an zu erzählen:
„Als ich vor dem Haus stand, glaubte ich im ersten Moment, es sei unbewohnt, denn die beiden Fenster neben der Haustür waren mit Brettern zugenagelt. Ein weiteres Fenster über der Türe, dessen Scheibe zersplittert war, hatte der Besitzer notdürftig mit Pappe zugedeckt, die sich aber stellenweise schon wieder löste. Das Haus wirkte verwahrlost. Hätte ich nicht Geräusche von drinnen vernommen, wäre mir nie der Gedanke gekommen, dass hier noch jemand wohnen könnte. Ich wollte an der Haustür schellen, musste aber feststellen, dass die Schelle halb abgerissen neben der Tür hing. Also klopfte ich laut, worauf das Licht anging und mir von einer großen hageren Frau geöffnet wurde. Sie musterte mich zunächst kritisch. Ihr Blick durchbohrte mich und ihre Augen verrieten keine Regung, als ich von unserer Panne erzählte und sie bat, telefonieren zu dürfen. Ihr farbloses Gesicht und ihre wirren schwarzen Haare gaben der Frau ein unheimliches Aussehen. Mit knappen Worten ließ sie mich herein. Ich trat ins Haus und merkte ein Unbehagen in mir hochsteigen. Fast bereute ich schon, überhaupt angeklopft zu haben.
Als die Frau die Tür hinter mir geschlossen hatte, glaubte ich, ihre bohrenden Blicke im Rücken zu spüren.
Ein eigenartiger süßlicher Geruch drang mir in die Nase, so dass mir fast übel wurde. Noch darüber sinnend, woher der Gestank kam, fiel mein Blick auf die bizarren Muster der Tapete, die von der Deckenlampe gespenstisch angestrahlt wurden. Verunsichert drehte ich mich nach der Frau um, die immer noch hinter mir stand, ohne ein Wort zu sprechen. Irgendwie schien sie mir wie im Tran, ihr Blick war starr und abwesend.
Da war dann auf einmal wieder dieses eigenartige, undefinierbare Geräusch zu hören, das ich schon draußen gemeint hatte aus einem der Zimmer zu vernehmen. Seltsamerweise erwachte die Frau in diesem Moment aus ihrem Trancezustand. Sie zuckte zusammen und stakste an mir vorbei. Mit monotoner Stimme forderte sie mich auf, ihr zu folgen.
Sie öffnete eine Tür, und ich betrat einen kleinen Raum, in dessen Mitte ein großer schwarzer Tisch mit vier Stühlen stand. Eine grell leuchtende Deckenlampe hing fast bis auf den Tisch herunter. Auf dem kalten Steinfußboden lag kein Teppich und die Muster der Tapete waren stark verblichen. Obwohl es draußen noch warm gewesen war, kam mir hier eisige Kälte entgegen. Der Raum gab mir das Gefühl, in einer Grabkammer zu sein. Ich spürte am ganzen Körper eine Gänsehaut, als ich dann an der Wand, unterhalb des Fensters, es musste das vernagelte sein, eine große schwere dunkle Truhe bemerkte, die wie ein Sarg aussah.
Ich war so entsetzt, dass ich nur mit Mühe die erneute Frage nach dem Telefon formulieren konnte. In mir war in dem Moment nur ein Wunsch: So schnell wie möglich weg von hier!
Wie aus weiter Ferne hörte ich die entmutigenden Worte, dass es hier weit und breit keinen Fernsprecher geben würde und die nächste Werkstatt zehn Kilometer entfernt sei, aber heute keinen Nachtdienst hätte.
Ja, ja, das stimmt! dröhnte plötzlich eine tiefe Stimme dicht neben mir. Ich kann sie morgenfrüh mit meinem Lieferwagen mitnehmen und sie bei der Werkstatt absetzen.
Ein kräftiger, wild aussehender Mann legte mir seine Pranke auf die Schulter und stellte sich vor mich hin. Ich erschauderte bei seiner Berührung. Er bot mir an, bei ihnen zu übernachten. Mit weichen Knien konnte ich ihm gerade noch antworten, dass ich dich zuerst noch holen wollte. Ich sah, wie er der Frau hämisch einen Blick zuwarf und dann in einem der Räume verschwand, aus denen ich die furchteinflössenden Laute vernommen hatte.
Die Frau und ich standen nun wieder allein im Zimmer. Sie wirkte erneut wie versteinert und schien mich gar nicht mehr zu sehen. Ihr lebloser Blick war auf einen unbestimmten Punkt auf dem Fußboden gerichtet.
Ich hatte nur noch den einen Gedanken - raus aus diesem unheimlichen Haus!
Schnellen Schrittes ging ich zur Haustür und rannte, so flink mich meine Beine trugen, hinaus“.

Ursula und Günter waren sich darin einig, weder in dem Haus zu übernachten, noch irgendeine andere Unterstützung dieser Leute in Anspruch zu nehmen.
Sie überlegten, was sie nun machen sollten. Auf gar keinen Fall wollten sie länger untätig im Auto sitzen bleiben. Die Angst saß beiden tief im Nacken. Zu unheimlich war all das gewesen, was Günter soeben erlebt hatte. Ursula liefen immer noch kalte Schauer den Rücken herunter. Sie traute sich kaum mehr, zu dem Haus hinaufzusehen. Jeden Moment erwartete sie, dass sich die Haustür öffnete und einer der schrecklichen Bewohner heraustreten würde.

Aber nichts dergleichen geschah. Es blieb alles still. Das Haus ließ wie bei ihrer Ankunft nichts darauf hindeuten, dass hier irgendjemand wohnte. Nirgendwo brannte Licht. Das Gebäude wirkte jetzt kalt und furchterregend.

Wir müssen hier weg, hatte Günter schließlich gemeint. Egal wohin, nur fort von hier.
Sie sprangen aus dem Auto, fassten sich an den Händen und liefen die Straße herunter so schnell ihre Füße sie trugen. Sie mussten die Werkstatt unbedingt finden, auch wenn sie, wie die hagere Frau Günter erklärt hatte, zehn Kilometer entfernt lag.

Zu dieser späten Zeit, mittlerweile ging es auf Mitternacht zu, begegnete ihnen niemand mehr. Die Fahrstrecke wurde ja schon am hellen Tag kaum befahren, erst recht nicht mitten in der Nacht. Zudem war es stockfinster. Nirgendwo eine Straßenlaterne. Die Phantasie malte den beiden angsteinflößende Bilder. Vor allem Günter glaubte, überall diese unheimlich aussehende schwarzhaarige Frau auftauchen zu sehen oder den brutal wirkenden Mann, der ihm angeboten hatte, sie beide am nächsten Morgen zur Werkstatt in seinem Wagen mitzunehmen.

Auch Ursula warf öfters einen Blick zurück, wie um sich zu vergewissern, dass sie auch keiner verfolgte.

So hatten sie sich ihren Sommerabendausflug nun wirklich nicht vorgestellt. Normalerweise würden wir jetzt schon längst ruhig und sicher in unseren Betten liegen und schlafen, dachte Ursula wehmütig. Stattdessen mussten sie jetzt einen weiten unbekannten Weg zu Fuß zurücklegen, um die Werkstatt aufzusuchen. Wobei sie ja noch nicht einmal sicher sein konnten, ob der Mann Günter nicht belogen hatte. Vielleicht gab es ja gar keine Werkstatt. Der Mann und diese eigenartige Frau hatten sich so seltsam angesehen, als er mit der Werkstatt telefonieren wollte, hatte Günter eben noch erzählt. Gut! Ein Telefon mochte es im Haus nicht gegeben haben und eine öffentliche Telefonzelle war auch nicht zu sehen! Und die Werkstatt? Gab es sie etwa auch nicht?

Die Straße verlief in kleinen Kurven, was sie noch unübersehbarer machte, als die Dunkelheit es sowieso schon tat. Hinter jeder Kehre atmeten beide erleichtert auf. Warum, wussten sie eigentlich auch nicht so recht. Hier war doch niemand außer ihnen, oder doch? Nein! Ganz offensichtlich hielt sich zu der Zeit niemand hier auf. Sie waren mutterseelenallein. Aber irgendwie verspürten beide ein seltsames Unbehagen.

Auf beiden Seiten der Straße waren Felder gelegen, in deren Ferne nirgendwo auch nur die Andeutung einer menschlichen Siedlung zu erblicken gewesen wäre. Kein Baum, kein Strauch, nichts. Es gab nur sie beide und die absolute Stille und Finsternis um sie herum.

Sie waren wohl schon eine ganze Weile schweigend nebeneinander hergegangen, jeder nur von dem einzigen Gedanken besessen, das Ziel so schnell wie möglich zu erreichen. Aber zehn Kilometer, die läuft man nun nicht in kurzer Zeit ab. Sie spürten, dass ihre Kräfte, an denen die Angst stark zehrte, nachließen. Ihre Füße wollten sie nicht mehr tragen und Müdigkeit machte sich breit. So schleppten sie sich mühsam Schritt für Schritt weiter voran.

Sie wussten nicht, wie lange sie schon so gegangen waren, als sie auf dem Feld an der linken Straßenseite einen dunklen höheren Gegenstand bemerkten. Ursula stockte das Herz. Sie krallte sich an Günter fest, der stehen geblieben war, um genauer sehen zu können. Lass uns hingehen, es könnte eine kleine Hütte aus Brettern sein, die mitten auf dem Feld steht, meinte Günter. Ursula strengte ihre Augen an, um mehr erkennen zu können. Sie wollte genau wissen, ob es auch wirklich eine Hütte war. Es kann nur eine Hütte sein, hatte Günter gemeint, der gemerkt hatte, wie sehr Ursula vor Angst zitterte.

Sie verließen die Straße und gingen ein Stück querfeldein auf das dunkle Gebilde zu, welches sich ihnen tatsächlich als einfache Bretterhütte präsentierte, die an einer Seite offen war. Die Hütte bot den beiden die Möglichkeit, auszuruhen. Auf einem an der Wand befestigten Brett konnten sie sich sogar setzen. Hier bleiben wir die Nacht über und wenn es hell wird, gehen wir weiter, entschied Günter. Sie waren beide so übermüdet von den abenteuerlichen Ereignissen, die ihnen widerfahren waren, dass sie kurze Zeit später eingeschlafen waren.

Durch ein ungewöhnliches Geräusch wurden sie jäh aus ihren Träumen gerissen. Es dämmerte bereits. Günter und Ursula waren sogleich hellwach. Jetzt hörten sie es deutlich. Immer näher vernahmen sie nun das stoßweise Atmen eines Wesens, das sich anscheinend mit großer Mühe hierher geschleppt hatte. Wer verirrte sich wohl zu dieser Hütte? Noch dazu so früh am Morgen! Ursula spürte vor Aufregung Übelkeit aufsteigen. Ihre Hände waren schweißnass. Steif wie ein Brett saß sie da, unfähig sich zu bewegen. Günter fühlte ebenfalls Unbehagen.
Auch ihm war die ganze Sache nicht geheuer. Er hatte im Traum das Gespräch in dem Haus noch einmal vollständig erlebt. Und jetzt diese Geräusche. Aber letztlich gewann der Verstand Oberhand. Mutig stand er auf und trat vor die Hütte.

Er drehte sich um und sah sich unvermittelt einem alten Mann gegenüber stehen, der ihn gutmütig anlächelte. Der Mann ging aufgrund seines Alters gebeugt. Er atmete schwer. Jeder Schritt schien ihm große Mühe zu bereiten. Auf seinen Stock gestützt blieb er dicht neben der Hütte stehen.

Dieser Mann will uns nichts Böses, schoss es Günter durch den Kopf. Aber woher kam er?
War er allein? Nachdenklich blickte er den Fremden an, der scheinbar Gedanken lesen konnte.

Ursula lugte vorsichtig um die Ecke. Als sie den Alten so dastehen sah, wich ihre Angst. Dieser Mann flößte ihnen irgendwie Vertrauen ein. Sie hofften, vielleicht von ihm zu erfahren, wie sie möglichst schnell die Werkstatt erreichen konnten, und ob es sie überhaupt gab.

Günter streckte dem Mann seine Hand zum Gruß entgegen. Der alte Mann reichte ihm seine schwielige Hand. Er lächelte immer noch, sagte jedoch kein Wort.

Günter und Ursula erzählten ihm von der Panne mit ihrem Auto. Sie erwähnten auch das Haus auf dem Hügel, in dem sie um Hilfe gebeten hatten. Günter berichtete von den ungewöhnlichen Bewohnern, deren Verhalten ihm gegenüber und den Eigenarten der Dinge, die er dort erlebt hatte.

Der Fremde hörte sich alles aufmerksam an, äußerte sich aber mit keinem Ton.
Er blickte die beiden nur verständnisvoll an. Bei manchen Äußerungen von Günter hatte er zustimmend mit dem Kopf genickt.

Plötzlich drehte er sich um und winkte mit dem Arm zum Zeichen, ihm zu folgen. Günter und Ursula gingen hinter ihm her, wobei sie noch überlegten, ob er nicht sprechen wollte oder nicht konnte.
Nach wenigen Metern blieb er stehen, um auszuruhen. Das Gehen fiel ihm sichtlich schwer. Sie erreichten schließlich den Rand des Feldes und standen nun wieder an der Straße. Inzwischen war es hell geworden. Am Horizont konnte man die Sonne sehen. Bei Tageslicht wirkte die Gegend zwar immer noch einsam, aber nicht mehr so furchterregend wie im Dunkeln. Hin und wieder fuhr jetzt ein Auto vorbei.

Sie wollten gerade die Straße betreten, als auf der gegenüberliegenden Seite ein größerer Lieferwagen, der die Aufschrift „Eilgut“ trug, mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam. Ein Mann beugte sich aus dem halb geöffneten Fenster und fragte, ob er behilflich sein könne. Günter kniff die Augen zusammen. Das durfte nicht wahr sein! Hatte er Halluzinationen? Nein! Es war der schreckliche Mann aus dem grausigen Haus. Der Albtraum hatte Günter wieder eingeholt . Im Eilverfahren lief die Szene von gestern Abend vor seinem geistigen Auge ab.

Ursula, die Günter beobachtete, erstarrte. Sie versuchte hinter der Gestalt des alten Mannes Schutz zu suchen. Obwohl sie ihn nicht kannte, sagte ihr eine innere Stimme, dass ihr unter seiner Obhut nichts passieren würde.

Eh’ Günter dem Fahrer des Wagens antworten konnte, hatte der Fremde schon seinen Stock erhoben und damit durch die Luft gewedelt. Günter und Ursula wussten nicht, ob er zum Gruß winkte, den Fahrer warnen oder gar in die Flucht schlagen wollte. Auf jeden Fall verschwand dieser so schnell wie er gekommen war hinter der nächsten Kurve.

Der Alte drehte sich zu den beiden um und verdrehte wild die Augen, wobei er ständig den Kopf schüttelte. Zu gerne hätte Günter ihn gefragt, was er ihnen vermutlich nicht sagen konnte, aufgrund seines fehlenden Sprachvermögens. Was hatte es nur mit diesem Mann aus dem seltsamen Haus auf sich? Warum war er so eilig weggefahren?

Der alte Mann bemerkte die fragenden Blicke von Günter und Ursula und lächelte sie wieder gütig an. Er nickte mit dem Kopf und wandte sich zum Gehen um. Wieder erhob er den Stock, aber diesmal zum Zeichen dafür, dass sie ihm nur ruhig vertrauen und ihm weiter folgen sollten.

So gingen sie eine ganze Weile, bis sie auf die ersten Häuser einer kleinen Ortschaft stießen.

Niemals sind wir zehn Kilometer gelaufen, dachte sich Günter. Der Fremde drehte sich zu ihnen um und zeigte mit seinem Stock auf ein kleines Häuschen auf der rechten Straßenseite.
Das Dach war etwas windschief und die Fenster glichen mehr kleinen Gucklöchern. Neben dem Haus befand sich ein winziger Stall, in dem eine Handvoll Hühner gackerten. Ein magerer Hund lag vor dem Stall und wetzte seine Zähne an einem abgenagten Knochen.

Ursula blickte Günter unsicher an. Wir gehen mit ihm mit, sagte ihr sein Blick. Gemeinsam traten sie an das Haus heran, dessen Tür kein Schloss besaß, sondern einfach aufgeklinkt wurde
Der alte Mann öffnete. Zwei kleine schmutzige Kinder sprangen ihnen entgegen und sahen sie mit großen Augen erwartungsvoll an. Der Fremde schien ihr Opa zu sein. Er schob sie sanft mit seinem Stock beiseite. Eine junge Frau tauchte im Türrahmen auf. Sie lächelte Günter und Ursula an und begrüßte sie freundlich. Ihre Stimme war angenehm und auch ihr Äußeres wirkte sympathisch. Sie schien gerade in der Küche mit ihrem Mann und den Kindern zu frühstücken.

Zögernd folgten Günter und Ursula der Aufforderung einzutreten. Am Küchentisch saß ein Mann mit rötlichblonden struppigen Haaren. Seine lebhaften Augen musterten die ungewohnten Gäste aufmerksam. Sein Lächeln signalisierte Günter, dass sie hier willkommen waren. Auf seine Frage hin, woher sie denn kämen, fing Günter zunächst stockend, aber dann allmählich flüssiger an zu erzählen.
Da ihn niemand der Anwesenden mit Fragen unterbrach, erfuhr die junge Familie nicht nur von der Autopanne und der Werkstatt, die sie immer noch suchten, sondern auch von den seltsamen Begebenheiten in dem Haus auf dem Hügel.
Die junge Frau hatte zwischendurch ihre beiden Kinder aus dem Zimmer geschickt, sich dann leise wieder hingesetzt und mit ernster Miene gelauscht.

Als Günter endete, herrschte zunächst Schweigen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Der Mann am Tisch sah Günter und Ursula eine Weile nachdenklich an. Dann murmelte er mehr zu sich selbst, dass sie aber außergewöhnliches Glück gehabt hätten.
Er meinte, normalerweise kommt aus diesem Haus keiner mehr lebend heraus, der es einmal betreten hat. Seit Jahren kursierten hier zwar die schlimmsten Gerüchte, aber eine Tat war allen im Ort bekannt. Sie passierte vor etwa einem halben Jahr.

Aber sie möchten jetzt sicher lieber wissen, wo nun endlich die Werkstatt ist, bemerkte er. Ursula nickte heftig. Sie wollte gar nichts mehr hören, von all den schrecklichen Dingen.

Günter fragte ihn, ob die Werkstatt in der Nähe sei und wie lange sie noch laufen müssten. Drei bis vier Kilometer wären es wohl noch, erwiderte der Mann. Spontan bot er ihnen an, sie mit seinem Wagen dorthin zu fahren, damit sie auch sicher dort ankämen.

Ursula und Günter willigten erleichtert ein.

Auf der Fahrt fragte Günter, was denn nun in dem Haus vor einem halben Jahr so Schreckliches geschehen sei. Obwohl es ihm immer noch kalt den Rücken herunterlief, wenn er an den Raum dachte, mit diesen seltsamen Mustern auf den Tapeten, der unheimlichen schwarzen Kiste, die wie ein Sarg aussah und dem eigenartig süßlichen Geruch, der aus dem Nachbarzimmer drang.

Der Mann starrte geradeaus auf die Fahrbahn und begann zu sprechen: „Also vor ungefähr einem Jahr lebte hier im Ort ein junger Mann. Er hatte keine Familie und wohnte alleine in einem kleinen Zimmer zur Untermiete in einer Pension. Die Dorfbewohner sahen ihn nur, wenn er zur Arbeit ging und wieder nach Hause kam. Aber welcher Tätigkeit er nachging, und wo er beschäftigt war, teilte er niemandem mit. Er war überhaupt sehr in sich gekehrt. Viele hielten ihn für einen Eigenbrötler.

Sein Aussehen sowie seine Kleidung waren ordentlich und sauber. Warum er kontaktscheu war und andere Menschen mied, war allen recht unverständlich. Aber im Laufe der Monate hatten sich die Leute damit abgefunden und ließen ihn seiner Wege gehen.

Und dann kam dieser Tag, an dem ein weißer Lieferwagen mit der Aufschrift ‚Eilgut’ vor der Pension anhielt. Ein großer kräftiger Mann mit wildem Blick stieg aus und stapfte in die Pension. Kurze Zeit später verließen die beiden Männer schweigend das Haus und fuhren davon.

Zwei Tage nach diesem Ereignis erhielt die Vermieterin einen Brief ohne Absender, in dem zu lesen war, ihr Bewohner sei urplötzlich verstorben. Sie meldete damals alles der Polizei, die anhand des Kraftfahrzeugkennzeichens den Besitzer des weißen Lieferwagens ausmachen konnte. Der Name des Besitzers war für sie kein unbeschriebenes Blatt. Mehrere Raubdelikte sowie die angebliche Vergewaltigung einer Frau, die er fast ermordet haben sollte, gingen auf seine Rechnung. Die Polizei hatte ihn zwar damals in Gewahrsam genommen, musste ihn aber nach kurzer Zeit mangels eindeutiger Beweise wieder auf freien Fuß setzten.

Die Motive für seine Handlungen versuchte die Polizei damals zu klären. Sie fand zwar heraus, dass er in einem abgelegenen Haus zusammen mit einer Frau lebte. Aber was sich dort im einzelnen abspielte, das wusste dennoch keiner so genau. Es war ja auch nichts Auffälliges mehr passiert, deshalb untersuchte die Polizei den Fall nicht weiter.

Aber wenn Sie mich fragen, hat dieser Mann gemeinsam mit der Frau den Fremden aus unserer Ortschaft getötet. Vermutlich lag er noch im Haus, als sie dort waren. Das würde das seltsame Verhalten der Beiden sowie den eigenartig süßlichen Geruch und die komische schwarze Kiste, die sie bemerkt haben, erklären. Er wollte sie gern dabehalten, weil er sicher befürchtete, sie entdeckten sein Geheimnis und würden nichts besseres zu tun haben, als gleich zur Polizei zu gehen. Das würde auch verdeutlichen, warum er ihnen anbot, sie selbst zur Werkstatt zu fahren. Sind Sie nur froh, dass es Ihnen gelungen ist, dem Kerl und diesem Teufelsweib zu entwischen.“

Günter und Ursula wurden bleich. Günter starrte den Mann mit offenem Mund an. Er konnte kaum fassen, was er da gerade gehört hatte.
Ja! Die Geschichte machte Sinn! Auf einmal setzte sich ein Teil ans andere, wie bei einem Puzzle.
Günter und Ursula schlugen vor, gemeinsam zur Polizeistation zu fahren, um dort zu Protokoll zu geben, was Günter in dem Haus erlebt und gesehen hatte.

Der Mann runzelte die Stirn und kratzte sich etwas verlegen am Kopf. „ Na ja! Die Idee ist nicht schlecht,“ meinte er.„ Aber was wäre, wenn dieser Kriminelle aus dem schrecklichen Haus herausbekommen würde, dass er von Ihnen und einem Dorfbewohner ans Messer geliefert worden ist? Im übrigen hat er ja auch den Alten mit dem Stock in Ihrer Begleitung gesehen,“ erwiderte er. „ Er käme ziemlich schnell dahinter, wer außer Ihnen beiden und dem Alten noch von seinen Machenschaften gewusst haben könnte. Dann wäre ich vermutlich nur noch durch Polizeischutz vor ihm und seiner Sippe sicher. Trotzdem ist die Entscheidung richtig.

Ich bringe Sie zum Polizeipräsidium, dann können Sie Ihre Aussage machen.“

Günter erzählte dem Inspektor alles, was er in dem merkwürdigen Haus erlebt, gesehen und gehört hatte. „ Wir haben den Verdacht, dort ist ein Mord geschehen,“ warf der Fahrer ein. Der Inspektor runzelte nachdenklich die Stirn:
„Dem Fahrer des weißen Lieferwagens war doch vor längerer Zeit die Vergewaltigung einer Frau vorgeworfen worden. Er war dann nach kurzer Untersuchung wieder freigelassen worden. Wir konnten ihm nichts nachweisen. Wir werden ihre Schilderung protokollieren und den Fall noch einmal aufnehmen,“ versicherte er Günter.

Als Günter und Ursula wieder im Wagen ihres Fahrers saßen, hatten sie nur den einen Wunsch:
So schnell wie möglich zur Werkstatt! Den Wagen reparieren lassen! Dann auf schnellstem Weg nach Hause fahren!

Eines war für sie sicher - nie mehr eine unbekannte Nebenstrecke der Hauptstraße vorzuziehen.