Spiel zu Ehren der Götter

von C.Laschinski



Immer wieder sah José sich um. Obwohl er seine Verfolger seit einiger Zeit nicht mehr gehört hatte, war er sich darüber im Klaren, dass sie noch immer auf seiner Fährte waren. Der dichte Dschungel hatte ihm bisher auf seiner Flucht Schutz geboten, doch als der Abend kam, nahmen auch die Gefahren zu, die überall lauerten. Es waren nicht nur die Schlangen, die er fürchtete, sondern auch die Dunkelheit, die immer mehr zunahm und José hatte schon jetzt die Orientierung verloren. Für einen kurzen Moment blieb er stehen, umklammerte Hilfe suchend das große schwere Goldkreuz, das um seinen Hals hing und versuchte wieder zu Atem zu kommen.
Am Vormittag hatte es starke Regenfälle gegeben und die Luft war noch feuchter als gewöhnlich. Die Mönchskutte seines Dominikanerordens, die er auf seiner Flucht zerrissen hatte, um schneller laufen zu können, klebte ihm am Körper und seine Arme und Beine waren von all den Büschen und Sträuchern durch die er gerannt war völlig zerkratzt.
Nachdem sich José Salgado vergewissert hatte, dass seine Verfolger nicht zu hören waren, riskierte er es, sich etwas zu entspannen.
Hinter einer ihm unbekannten Dschungelpflanze, entdeckte Salgado eine kleine Lichtung und entschied, dass sie der geeignete Ort für eine kurze Pause sei. Als José sich auf den feuchten Boden setzte, spürte er wie trocken sein Mund war. Er riss ein paar Blätter vom Strauch und versuchte so etwas Feuchtigkeit aufzunehmen, doch seinen Durst konnten die wenigen Tropfen nicht stillen.
Langsam kam Salgado wieder zu Atem, doch nun spürte er auch wieder die Schmerzen in seinen Knochen, Muskeln und Sehnen, die er während seiner Flucht vollkommen verdrängt hatte. Der junge Dominikaner konnte noch immer nicht begreifen, was an diesem Mittag, genau als die Sonne über der Pyramide stand, geschehen war.
José wagte es für einen Moment die Augen zu schließen und versuchte sich daran zu erinnern, wie es überhaupt zu diesem Massaker gekommen war.

Vor zwei Tagen war die kleine Gruppe von Konquistadoren, die er als Missionar begleitete, auf ein Mayadorf getroffen und zu ihrer großen Überraschung freundlich empfangen worden, obwohl die Dorfbewohner scheinbar bereits Kontakt zu den spanischen Eroberern gehabt hatten, denn ein ungefähr zwölf jähriger Junge kam auf sie zu und begrüßte sie in gebrochenem Spanisch. Xax’ Kuk, wie der Junge sich vorstellte, hieß sie im Namen der Dorfbewohner Willkommen und lud sie ein die Nacht bei ihnen im Dorf zu verbringen. Diego Casillas, der Kommandant ihrer kleinen Gruppe nahm die Einladung dankend an und Xax’ Kuk wies ihnen eine Hütte zu, wo sie die Nacht verbringen konnten.
Am Abend entzündeten die Dorfbewohner mehrere Feuer, auf denen sie Essen zubereiteten. Der Duft von Mais, gebackenem Brot und gebratenem Fleisch drang auch in die Hütte der Spanier, die sich auf ihrem Weg durch den Dschungel nur von sehr kargen Speisen ernährten. Auch die Konquistadores wurden zum Essen eingeladen und setzten sich zusammen mit ihren Gastgebern rund um die Feuer.
br> Diego Casillas, der ein neugieriger und freundlicher Mann war, versuchte sich mit dem Dorf Ältesten zu unterhalten und Xax’ Kuk übersetzte so gut er konnte. José Salgado saß direkt daneben und hörte interessiert zu. Der Alte erzählte, dass am nächsten Tag ein großes Fest statt finden würde, zu Ehren der Zwillinge, die einst die Götter der Unterwelt in einem Ballspiel herausgefordert hatten und sie besiegten. Zu diesem Anlass versammelten sich die Maya der umliegenden Dörfer in der Stadt, wo dann ein Ballspiel statt finden würde. Xax’ Kuk versuchte dem Kommandanten mit seinem spärlichen Spanisch zu erklären, worum es bei diesem Spiel ging, doch reichten seine Sprachkenntnisse dazu nicht aus. Nachdem der Alte sich kurz mit Xax’ Kuk in seiner Muttersprache unterhalten hatte, lud der Junge die Spanier abermals ein. Diesmal um sich das Spiel anzusehen. Casillas und einige andere der Gruppe hatten schon von einem Spiel gehört, in dem ein Ball aus einem eigenartigen Material wie besessen über den Boden sprang. Begeistert nahmen sie die Einladung an.

Am nächsten Morgen brach die Gruppe der Spanier bereits vor Sonnenaufgang zusammen mit den Maya, die an den Festlichkeiten teilnahmen auf und sie erreichten die Maya Stadt nach wenigen Stunden Fußmarsch.
Staunend gingen sie die lange, breite, gepflasterte Straße entlang, an deren Ende eine riesige Stufenpyramide in den Himmel ragte. Auch an den Seiten war die Straße gesäumt von bunt bemalten Pyramiden, die jedoch im Vergleich zu der Pyramide am Ende der Straße schon fast winzig wirkten. Auf den Pyramiden brannten Feuer und die Straße war voll von Menschen. Alles Maya und anhand ihrer Kleidung konnte man die Höhergestellten vom einfachen Volk unterscheiden. Die Bauern trugen, wie es sich für ihren Stand geziemte, nur einen Lendenschurz. Die Krieger dagegen waren herausgeputzt, ebenso wie die Adligen und Priester. Sie trugen die verschiedensten Gewänder aus bunten Quetzalfedern und anderen bunten Stoffen.
Fasziniert sah José Salgado sich um. Jede der Pyramiden war verziert mit eigenartigen Fratzen, die zweifellos Götter der Maya darstellten. Grimmig schauten sie auf die fremden Spanier herab und José fühlte sich für einen Moment unwohl. Um sich selbst zu beruhigen umschloss er sein Goldkreuz fest mit der Hand und sandte ein stummes Gebet zu seinem Gott.

Noch während sie die Straße entlang gingen, kam ein Mayakrieger auf sie zu und hinderte sie am weitergehen. Diego Casillas bewunderte den Mut des Maya, der sich der bewaffneten Gruppe von Konquistadores allein in den Weg stellte. Xax’ Kuk redete mit dem Krieger, der die Spanier misstrauisch ansah, sie aber trotzdem weiterziehen ließ. Casillas bedankte sich bei dem Jungen, der nicht mehr von seiner Seite wich. „König Dich sehen“, sagte Xax’ Kuk nach einem kurzen Moment. „Euer König will uns sehen?“ fragte der Kommandant nach, obwohl er schon damit gerechnet hatte. Schließlich blieb die Ankunft einer Gruppe Spanier in einer Mayastadt nicht lange unbemerkt.

Auf einem Platz, direkt am Fuße der großen Stufenpyramide thronte der offensichtliche Herrscher dieser Stadt auf einer Sänfte, die von sechs Mayakriegern getragen wurde. Diego Casillas verbeugte sich höflich nach spanischer Manier vor dem Mayakönig und auch seine Leute taten es ihrem Kommandanten gleich. José hatte nicht unbedingt mit einer freundlichen Reaktion des Mayaherrschers gerechnet, aber dieser lud die Spanier ein, als seine Gäste an den Feierlichkeiten teilzunehmen und sich das Ballspiel in seiner Loge anzusehen. Salgado wie auch Casillas waren über die guten Spanischkenntnisse des Herrschers erstaunt. Er berichtete ihnen von einem Zusammentreffen mit spanischen Priestern, die versucht hatten ihm mehr über ihren Gott zu erzählen und wie sie ihm auf diese Weise auch Spanisch beigebracht hätten. Nach einiger Zeit hatten sie seine Stadt wieder verlassen und waren weitergezogen.

Während sie auf den Beginn der Feierlichkeiten und des Ballspiels warteten, ließ der Mayakönig seine Gäste fürstlich bewirten. Warme Maisbrote, exotische Früchte, gebratenes Fleisch und viele andere Köstlichkeiten wurden für die spanischen Konquistadores aufgetischt. Casillas nutze die Gelegenheit und versuchte etwas mehr über das Ballspiel von dem König zu erfahren.
Mit einem stolzen Blick in seinen fast schwarzen Augen richtete der Mayakönig sich auf. „Wir nicht spielen zum Spaß. Wir nur spielen um zu Ehren unsere Götter und die Zwillinge, die besiegten die Herren von Xibalba.“ „Xibalba?“ fragte José, der dem Gespräch interessiert zugehört hatte. „Xibalba ist Unterwelt. Dort haben Hun Came und Vukub Came getötet die Zwillinge Hun Hunahpu und Vukup Hunahpu. Die aber nicht wirklich tot und haben gemacht neue Zwillinge. Hunahpu und Ixbalanque haben dann besiegt Herren von Xibalba.“ Lautete die Antwort des Mayakönigs, die den Dominikaner nicht wirklich zufrieden stellte, jedoch bedankte er sich höflich für das Gespräch. Diego Casillas hingegen war weniger feinfühlig und fragte den Mayakönig weiter aus über die Hintergründe für dieses Spiel. Der hochgewachsene Herrscher sah ihn überrascht an, für ihn waren scheinbar keine Fragen bei der Geschichte offen geblieben, aber er bemühte sich dem Spanier die Geschichte um Hunahpu und Ixbalanque etwas ausführlicher zu erzählen.

„Die Zwillinge Hun Hunahpu und Vukup Hunahpu begeisterte und gute Ballspieler waren. Sie den ganzen Tag spielten. Doch Krach störte die Herren von Xibalba Hun Came und Vukub Came und sie herausgefordert haben die Zwillinge zum Spiel.“
Während der Mayakönig eine kleine Pause beim erzählen einlegte, änderte José seine Sitzposition um ihm besser zuhören zu können. „Doch sie mussten viele Prüfungen bestehen, bevor sie kamen nach Xibalba. Aber sie nicht geschafft alle Prüfungen, so sie geopfert worden. Körper von Hun Hunahpu wurde zusammen mit seines Bruders Körper unter Ballspielplatz begraben. Kopf von Hun Hunahpu aber wurde an einen toten Kalabassen-Baum gehangen, der dann Früchte trug plötzlich.“ Wieder legte der Maya eine Pause beim Reden ein und Salgado beobachtete das skeptische Gesicht des Kommandanten. „Verrückte Geschichte was?“ flüsterte Casillas dem Dominikaner leise zu und José hoffte, dass der Mayakönig dies nicht mitbekommen hatte. Doch der fuhr unbeirrt mit seiner Geschichte fort. „Doch dann Ixquic, Tochter von Herrn von Xibalba kam Baum zu nahe und Schädel von Hun Hunahpu spuckte ihr in Hand. So Ixquic wurde schwanger und gebar Söhne Hunahpu und Ixbalanque, die auch spielten so gut Ball. Da Herren von Xibalba wieder gestört sich fühlten und sie auch herausforderten die Söhne von Ixquic. Mit viel Geschick sie dann haben besiegt die Herren von Unterwelt, von Xibalba. Hunahpu und Ixbalanque stiegen auf in Himmel und wurden Sonne und Mond. Deshalb wir verehren das Ballspiel,“ beendete der Mayaherrscher seine Erzählung über die Ursprünge ihres Ballspiels.
Obwohl Salgado der Geschichte nicht den geringsten Glauben schenkte, fand er sie spannend, musste aber bei dem Gedanken lächeln, wie man an solch eine Geschichte glauben konnte. Der junge Dominikaner nahm sich fest vor, die Maya von ihrem Irrglauben abzubringen und sie zu bekehren, ihnen die Lehren Gottes näher zubringen.

Der Mayakönig gestattete den Spaniern sich vor dem Spiel in der Stadt umzusehen. Xax’ Kuk begleitete sie wieder und führte sie zu einem kleinen Platz, wo sich die Ballspieler auf das große Spiel vorbereiteten. Fasziniert beobachtete José die athletischen Bewegungen der Maya und wie sie sich nur mit Hüften und Beinen einen ungefähr dreißig Zentimeter großen Ball zuwarfen, der wie vom Teufel besessen immer wieder hochsprang. „Was ist das für ein Ball?“ fragte der Dominikaner Priester Xax’ Kuk. „Ball gemacht aus Material von Kautschukbaum. Springt gut,“ lautete die knappe Antwort des Jungen. „Gibt es Spielregeln?“ José war von dem Spiel begeistert und überlegte, ob er nicht vielleicht selbst daran teilnehmen könnte, wenn die Regeln es zuließen. „Ball muß bleiben immer in Luft. Darf nur mit Füßen, Beinen und Hüfte gespielt werden. Wenn gewinnen wollen, dann müssen Ball schießen durch Ring,“ erklärte Xax’ Kuk. „Durch welchen Ring,“ fragte Salgado weiter nach. „“Ring an Wand von Spielfeld,“ sagte der Junge und sah den Spanier mit leuchtenden Augen an. „Wenn alt genug, dann ich auch werden spielen,“ fügte Xax’ Kuk noch hinzu.

Nachdem sie den Übungsplatz besichtigt hatten, führte sie der Mayajunge weiter durch die Stadt, vorbei an Tempeln, die bunt bemalt waren und deren kräftige Farben durch die lodernden Feuer, die überall brannten, förmlich zu leuchten schienen. An verschiedenen Ecken standen Mayafrauen um große Töpfe herum, in denen sie einen Maisbrei kochten, der an die Vorübergehenden verteilt wurde. Auch Salgado, Casillas und die anderen Spanier ließen sich etwas von dem Brei in Schüsseln geben.
Plötzlich tönte ein tiefer, langer Ton durch die Stadt, in den sich nach und nach weitere mischten. José schaute hinüber zu der Großen Pyramide, wo auf der halben Höhe einige Maya in prächtigen und farbenfrohen Gewändern standen und auf riesigen Muscheln bliesen, welche die Töne erzeugten. Immer mehr Maya, auch mit anderen Instrumenten stimmten mit ein. „Müssen gehen zum Ballspielplatz,“ sagte Xax’ Kuk und zog Diego Casillas am Ärmel. Während Salgado der Gruppe zum großen Ballspielplatz folgte, sah er sich immer wieder zur Pyramide um, wo nun auch auf der Spitze Feuer entfacht wurden.
Als sie den Ballspielplatz erreicht hatten, führte der Mayajunge sie gleich zur Loge des Herrschers. Jedoch wurden nur Casillas und Salgado in die Loge hineingelassen. Die anderen Spanier suchten sich bei den übrigen Zuschauern einen Platz. „Wie lange dauert ein Spiel?“ wollte der Kommandant vom Mayakönig wissen, der ihm überrascht ansah. „Bis Spiel ist zu ende.“ Casillas gab sich zufrieden, obwohl es keine wirkliche Antwort auf seine Frage war.

Nacheiniger Zeit betraten die Mannschaften das Spielfeld. Jeweils zwei Mayaspieler standen sich auf dem Platz gegenüber. Sie trugen einen prächtigen Kopfschmuck aus leuchtend blauen und gelben Quetzalfedern. Bekleidet waren sie mit einem ledernen Lendenschurz, der auch gleichzeitig als Hüftschutz diente. Zwei der Spieler trugen einen Brustpanzer, der ebenso wie der Ball aus Kautschuk gefertigt war. Auch die Beine und Arme waren mit ledernen Schonern bedeckt.
Als der Mayakönig sich erhob erklang abermals der tiefe Ton der Muscheltrompete und einer der Maya, die am Rand standen schlug den Ball mit einem langen Steinstab ins Spiel.
Akrobatisch bewegten sich die Spieler über den langen Platz, der an den Längsseiten durch hohe Wände begrenzt war. Auf der einen Seite war in fast 3 Metern Höhe ein steinerner Ring in die Wand eingelassen und die Mayaspieler versuchten geschickt den Ball durch das Loch zu schießen. Obwohl der Kautschukball immer mehr an Geschwindigkeit zunahm, gelang es den Spielern beider Mannschaften den Ball nur mit Hilfe ihrer Hüften und Beine über dem Boden zu halten.
José Salgado konnte den Blick nicht vom Spielfeld wenden. Immer mehr faszinierte ihn dieser Sport. „Wie viele Spiele finden heute satt?“ fragte er den Mayakönig. „Wenn Spiel schnell vorbei, wir machen weiteres. Wenn Spiel dauert lange, vielleicht nur eins.“ „Falls noch ein Spiel stattfindet, wäre es möglich daran teilzunehmen?“ wollte Salgado wissen. Nicht nur der Mayaherrscher sah ihn überrascht an. Auch Casillas war erstaunt. „Salgado, sie wollen tatsächlich an so einem Spiel teilnehmen?“ fragte er mit einem fassungslosen Tonfall. „Ja, wenn es möglich wäre würde ich es gerne einmal ausprobieren.“ Der Mayakönig nickte mit dem Kopf. „Ihr seid Gäste, wenn Euer Wunsch, dann Ihr dürft spielen zu Ehren unserer Götter. Aber müssen sein zwei Spieler.“ Wieder sah Casillas den Dominikaner Priester an. „Nein, das können Sie nicht von mir verlangen Salgado,“ sagte der Kommandant mit einem Lächeln im Gesicht und José wusste, dass er seinen Spielpartner gefunden hatte.

Das Spiel der ersten beiden Mannschaften dauerte bereits Stunden und inzwischen war die Nacht und das Spielfeld von unzähligen Feuern und Fackeln hell erleuchtet. Als einer der Spieler es plötzlich schaffte den Ball durch den Ring zu schießen, brach unter den Maya überall Jubel aus. Auch in der Loge des Herrschers. Selbst Salgado und Casillas konnten ihre Begeisterung nicht verbergen und applaudierten den Siegern, die sich vor der Loge auf die Knie ließen um ihrem König zu huldigen. Weder Casillas noch Salgado beobachteten wie die Verlierer des Spiels von Kriegern empfangen wurden und wie man sie in Richtung zur Pyramide führte.

„Ich werde Euch geben lassen Ausrüstung, dann wir beginnen zweites Spiel,“ sagte der Mayakönig mit einem freundlichen Lächeln. Etwas erstaunt darüber, dass das nächste Spiel so schnell beginnen würde, ließen sich die beiden Spanier von einigen Maya beim Anlegen der Ausrüstung helfen. Als Abermals die Muscheltrompete ertönte legte sich der Jubel der Zuschauer und man wartete gespannt auf die neuen Mannschaften. In dem Moment wo der Dominikaner Priester und ihr Kommandant auf dem Spielfeld erschienen, begann die Gruppe der Spanier begeistert zu schreien und sie jubelten ihren Landsmännern aufmunternd zu.
Nachdem das Spiel begonnen hatte, taten sich die beiden Spanier erst etwas schwer, den Ball in der Luft zu halten, aber mit der Zeit wurden sie immer besser, was auch daran lag, dass der Mayakönig eine Gegnermannschaft ausgewählt hatte, die ebenfalls noch nicht so viel Spielerfahrung hatte. Trotzdem waren die Mayaspieler wesentlich geschickter im Umgang mit dem Ball, der gelegentlich seinen eigenen Willen zu haben schien, wie José feststellte. Als Casillas versuchte den Ball mit der Hüfte entgegenzunehmen, stürzte er, jedoch gelang es ihm noch den Ball mit dem Fuß zurück zur anderen Mannschaft zu schießen. Der Mayaspieler ließ sich blitzschnell auf den Boden, spielte seinem Partner den Ball mit der Hüfte zu und diesem gelang es tatsächlich nach nicht einmal dreißig Minuten den Ball durch das Loch zu befördern.
Wie schon zu vor brach die Menge in Jubelrufe aus und die Sieger huldigten ihrem König, während die Verlierer von Kriegern zur Pyramide begleitet wurden. Nur diesmal achtete die kleine Gruppe der Spanier darauf was mit den Verlierern geschah. Da sich Salgado und Casillas jedoch nicht in irgendeiner Gefahr zu befinden schienen, schauten sie sich auch noch das nächste Spiel an, welches gerade begann.

„Wo bringen Sie uns hin?“ fragte José einen der Mayakrieger, der direkt neben ihm lief, doch er bekam keine Antwort. „Geben Sie sich keine Mühe Salgado, die verstehen eh kein Spanisch,“ Casillas lächelte. Zwar tat ihm jeder einzelne Knochen im Leibe weh, doch das Spiel hatte ihm Spaß gemacht, auch wenn er der Verlierer war. „Wahrscheinlich bringen sie uns irgendwo hin, wo wir uns frisch machen und umziehen können,“ fügte der Kommandant noch hinzu. Salgado erschien die Erklärung einleuchtend und so folgten sie den Kriegern schweigend. Kurz bevor sie die Pyramide erreicht hatten, führten die Mayakrieger die beiden Spanier in ein etwas größeres Gebäude. Die Innenwände waren wie auch die Außenwände reichlich bemalt und verziert. Von überall starrten die Gesichter der verschiedensten Mayagötter auf sie herab und José hatte plötzlich ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Man brachte sie in einen Raum, dessen Wände vollkommen weiß waren und der erstaunlicherweise keine Verzierungen aufwies. Auf einer Holzbank, die an einer der Wände stand, saßen bereits die Verlierer des ersten Spiels. Die beiden Maya grüßten die Neuankömmlinge mit einem Kopfnicken. „Und was passiert jetzt?“ fragte Salgado. Casillas zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung, vielleicht müssen die Verlierer hier warten bis das letzte Spiel vorbei ist.“ Abermals ging die Tür auf und zwei Mayapriester brachten prächtige Gewänder aus kostbaren Stoffen und Federn für jeden der Anwesenden, sowie die Kleidung der beiden Spanier. Auch eine große Schüssel mit Maisbrei stellten sie in den Raum. „Na wenigstens lässt man die Verlierer nicht verhungern und die Gewänder sehen doch auch recht kostbar aus. Nur schade das wir nicht gewonnen haben. Wer weiß was die Sieger kriegen, wenn schon die Verlierer so kostbar beschenkt werden.“ Casillas war sichtbar guter Laune und langte ebenso wie die beiden Maya kräftig beim Maisbrei zu. Salgado beschlich immer mehr ein ungutes Gefühl, doch auch er ließ sich das Essen schmecken und versuchte seine schmerzenden Knochen etwas zu entspannen.

Es war bereits früher Morgen, als die Tür geöffnet wurde und zwei weitere Mayaspieler, die offensichtlich verloren hatten, den Raum betraten. Auch sie bekamen prächtige Gewänder und man stellte einen neuen Topf mit dampfendem Maisbrei hinein. Casillas wie auch Salgado waren auf dem harten Boden eingeschlafen und nun spürten sie ihre schmerzenden Knochen noch mehr als vorher. Vor draußen drangen immer noch laute Rufe und die unwirklich klingende Musik der Maya zu ihnen. Der spanische Kommandant konnte sich kaum noch erheben und auch José hatte starke Mühe sich zumindest in eine sitzende Position zu bringen. „Ob noch immer Spiele stattfinden?“ fragte Casillas. Diesmal zuckte der Dominikaner mit den Schultern. „Keine Ahnung, aber langsam würde ich hier gerne wieder raus.“ Wie aufs Stichwort öffnete sich wieder die Tür und zwei Mayapriester in Begleitung mehrerer Krieger standen vor der Tür. Einer der Priester bemerkte, dass die beiden Spanier die Gewänder noch nicht angelegt hatten und deutete mit Handzeichen an, dass sie dies nachholen sollten. Um den Mann und vielleicht den Mayakönig nicht zu beleidigen, folgten sie den Anweisungen des Mayapriesters. Als sie sich fertig umgekleidet hatten, wurden sie zusammen mit den vier übrigen Mayaspielern aus dem Raum geführt. Wieder gingen sie den Gang mit den Gesichtern der Mayagötter entlang, die an diesem Tag noch grimmiger auf sie herabzublicken schienen. Bevor sie das Gebäude verließen, reichte der Mayapriester allen eine kleine Schüssel mit einem stark riechenden Getränk. Skeptisch setzte Salgado die Schüssel an seinen Mund und war über den angenehmen Geschmack und der wohltuenden Wirkung des Getränks überrascht. Mehrmals füllte der Priester die Schüsseln nach und je mehr die Spanier davon tranken, umso wohler fühlten sie sich. Als von draußen der Klang einer dunklen Trommel zu hören war, wurden die sechs Männer aus dem Gebäude und geradewegs auf die Pyramide zu geführt. Salgado wie auch Casillas fühlten sich plötzlich wie in einem Rausch. Sie hörten die jubelnden Rufe der Maya, die sich auf dem Platz vor der Pyramide versammelt hatten und fühlten sich wie die eigentlichen Sieger des Spiels. Jeder Gedanke an die Niederlage war in diesem Moment vergessen.

Die kleine Gruppe der Spanier hatte sich die Spiele bis zum Ende angesehen. Das letzte Spiel ging wie bereits das Erste über mehrere Stunden und endete erst lange nach Sonnenaufgang. Als sich der Ballspielplatz langsam leerte verließen auch die Spanier den Platz und amüsierten sich in den Straßen, wo noch immer ein ausgelassenes Treiben herrschte. Wie am Vortag ließen sie sich den heißen Maisbrei in Schüsseln füllen und aßen das frisch duftende Maisbrot, dass ihnen ein paar junge Mayafrauen reichten. Als von der Pyramide her der dumpfe Klang großer Trommeln zu hören war, folgten sie den Maya, die nun in Richtung der großen Stufenpyramide strömten. Hoch oben auf der Pyramide stand ein Tempel, vor dem eine steinerne Figur aufgestellt war, die in halb liegender Position zu verharren schien. Xax’ Kuk, der bei der Gruppe der Spanier geblieben war, erklärte ihnen, dass man diese Figur Chacmol nannte und sie so etwas wie ein Opferaltar war. Doch erst in dem Moment, wo einer aus der Gruppe den Kommandanten erkannte, der in prächtigen Gewändern auf die Pyramide geführt wurde, war der kleinen Gruppe die Gefahr bewusst, in der sich Casillas und Salgado befanden.

Als sie die Spitze der Pyramide erreicht hatten, erkannte José den Mayakönig, der in seinem langen Umhang aus Quetzalfedern und seinem hohen Kopfschmuck vor ihnen stand. Noch einmal bedankte er sich bei den Spielern und erklärte ihnen, welch große Tat sie vollbracht hätten und dass sie nun von den Göttern empfangen werden würden. Für Salgado und Casillas wiederholte der Herrscher seine Worte in Spanisch, doch obwohl die beiden Spanier die Worte vernahmen, konnten sie sie nicht wirklich deuten. Das Getränk, das man ihnen vorher gereicht hatte schien weit mehr zu enthalten, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Salgado konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und als sein Blick den Kommandanten traf, sah er diesen nur zufrieden lächelnd da stehen und seine Augen waren auf einen Punkt im Nichts gerichtet. Zwei der Mayapriester, die ebenfalls vor dem Chacmol standen, gingen auf Casillas zu und ergriffen ihm an den Armen. Ohne sich zu wehren ließ der Spanier sich von den Männern zum Chacmol führen, wo er sich bereitwillig hinlegte. Doch als zwei weitere Priester dazu kamen und ihn auf einmal festhielten, wurde ihm seine Situation bewusst. Aus voller Kehle stieß er einen Schrei aus. Es war sein letzter, den der Hohepriester der Maya durchschnitt die Kehle des spanischen Kommandanten mit der scharfen Obsidianklinge seines Opferdolchs.

Die Gruppe der Spanier hatte gerade die Gefahr erkannt, in der sich ihre Kameraden befanden, doch noch bevor sie einschreiten konnten erstarb der Schrei des Kommandanten. Ohne zu zögern ergriffen die Konquistadores ihre Musketen und schossen ohne zu zielen in die Menge. Einige der Maya, die sich in unmittelbarer Nähe der Spanier befunden hatten waren Blutüberströmt zusammengebrochen. Der anschließende Kampf der kleinen Gruppe von bewaffneten Spaniern und der Überzahl an Mayakriegern endete unweigerlich in einem Blutvergießen. Immer wieder schossen die Spanier in die Menge und trafen dabei auch Frauen und Kinder, doch sie konnten sich der Übermacht der Krieger nicht lange erwehren. Ein Spanier nach dem Anderen wurde durch Pfeile und scharfe Klingen von den Mayakriegern getötet.

José Salgado war in dem Moment zu klarem Verstand gekommen, als er Casillas’ Schrei hörte und die darauf folgenden Schüsse, die von weiter unten zu ihm drangen. Als auf dem Platz vor der Pyramide plötzlich Kämpfe ausbrachen, nutzte José die Unaufmerksamkeit der Mayapriester, die versuchten zu erkennen was unten geschehen war. Ohne sich noch einmal umzudrehen lief er die steile Treppe der Pyramide hinab, wobei er immer wieder kurz davor war das Gleichgewicht zu verlieren und hinab zustürzen.
Unten angekommen hatte er sich einen Weg durch die Menge gebahnt, die noch immer aufgeregt auf die Gruppe der Konquistadores einschlug, obwohl keiner von ihnen mehr am Leben zu sein schien. So schnell er konnte versuchte er aus der Stadt zu entkommen und als er endlich den dichten Dschungel erreicht hatte, blieb er stehen um Luft zu holen. Doch das schnelle schlagen der Trommeln, die im gleichen Rhythmus wie sein Herz zu schlagen schienen, sagten ihm, dass man sein Entkommen bemerkt hatte und ihm nun auf den Fersen war. Immer schneller rannte Salgado durch den dicht bewachsenen Dschungel. Immer wieder riss er sich die Arme an Sträuchern auf, die ihm den Weg versperrten. Der Dominikaner hatte völlig die Orientierung verloren, sein einziges Ziel war nur so weit weg wie möglich von den Trommeln zu kommen und so vielleicht doch noch seinem Schicksal zu entgehen.

José wurde von einem Geräusch geweckt. Obwohl er sich nur wenige Augenblicke auf der kleinen Lichtung ausruhen wollte, war er eingeschlafen. Als er langsam seine Augen öffnete, blickte er in die kalten, dunklen Augen eines Mayakriegers, der seinen Speer direkt auf ihn gerichtet hatte. Für einen kurzen Moment dachte Salgado noch einmal an Flucht, doch dann entdeckte er sechs weitere Mayakrieger, die um ihn herum standen. Ohne Gegenwehr ließ er sich von ihnen zurück zur großen Pyramide bringen. Als sie die breite Strasse entlang gingen, an deren Ende die Pyramide stand, entdeckte er Xax’ Kuk, der ihn nur traurig ansah und fragte: “Warum ihr habt das getan?“ Salgado sah die Toten und Verletzten Maya, die noch immer in den Straßen lagen und auch die Toten Körper seiner Kameraden.
Als nun er auf den Opferstein gelegt wurde wehrte er sich nicht. Innerlich sprach der Dominikaner Priester ein Gebet und flehte seinen Gott an ihm zu verzeihen. Er war gekommen um diese Menschen zu missionieren und nun hatte er ein Massaker angerichtet, nur weil er ein Spiel spielen wollte, deren Regeln und Rituale er nicht verstand.

José schloss die Augen, als der Mayapriester den Obsidiandolch in die Höhe hielt, ein Gebet an seine Götter richtete und zustieß.


Ende





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